Blog · Sprachförderung
Sprachförderung beim Kleinkind: Warum ein bisschen Warten oft mehr bringt als sofort zu helfen
Wenn man sich beruflich mit Sprachförderung von Kleinkindern beschäftigt, hört man auch im Alltag mit anderen Ohren. So ging es mir erst vor kurzem wieder, als ich beim Metzger an der Theke wartete.
Die Frau vor mir war mit ihrem etwa 2 ½- bis 3-jährigen Jungen da. Ein kurzes „Ähh!“ und dabei auf die Wurst hinter der Glasscheibe zu deuten, reichte schon, um sowohl die Mama als auch die Verkäuferin über den Wunsch nach einer weiteren Scheibe Wurst zum Naschen zu informieren.
„Möchtest du noch ein Stück Wurst?“
Nicken des Kindes.
Verkäuferin: „Hier hast du noch eine Scheibe, gell, die ist lecker.“
Mutter: „Wie sagt man?“
Kind macht wieder: „Äh.“
„Ja, genau, dankeschön.“
Beide haben offensichtlich einen uneingeschränkt positiven Willen, dem Kind in seiner Sprachentwicklung zu helfen, und sie machen auch vieles richtig. Zum Beispiel das Vorsprechen von typischen Sätzen direkt im Alltagszusammenhang. Deutliche Aussprache, einfache Wörter, einfache Satzstrukturen, Lob und positive Verstärkung.
Das Problem ist: Wir Menschen lernen nur wenig, wenn wir immer in der Komfortzone unterwegs sind. Auch ein Jugendlicher, der zum Beispiel eine Fremdsprache lernen muss, wird dies nicht durch reine Berieselung mit der neuen Sprache erreichen.
Echte Fortschritte entstehen dann, wenn es ein bisschen unangenehm wird und man wirklich gefordert ist. Das kann im Fall des Jugendlichen der anstehende Vokabeltest in der Schule sein oder auch der Urlaub in Italien, wo man versucht, einem Muttersprachler, der kein Wort Deutsch spricht, etwas zu erklären.
Bei Erwachsenen kann es der Auslandsbesuch beim Kunden sein, bei dem man sich beim abendlichen gemeinsamen Essen im Smalltalk beweisen muss.
Was hat das mit Sprachförderung beim Kleinkind zu tun?
Wie passt das nun mit der Situation in der Metzgerei zusammen? Wir wollen unsere Zweijährigen ja nicht in benotete Sprachtests schicken.
Nun, der Kleine hat unter anderem folgende Erfahrung gemacht:
„Um zu bekommen, was ich möchte, muss ich darauf deuten und ‚Ähh!‘ machen. Das klappt eigentlich immer. Falls es nicht klappt, muss ich nur energischer darauf deuten und lauter und etwas quengeliger ‚ÄÄhhh!‘ machen. Im äußersten Notfall muss ich losschreien und mich auf den Boden werfen, spätestens dann kriege ich die Wurst.“
Ein kleiner Moment des Wartens
Was helfen kann, ist ein kleiner Moment des Wartens. Dies auszuhalten ist auch für den Erwachsenen nicht immer ganz einfach. Es entspricht in etwa einer unangenehmen Pause im Gespräch zwischen zwei Erwachsenen, die sich irgendwie nichts zu sagen haben.
Aber genau hier findet Sprachförderung beim Kleinkind statt. Das Kind merkt:
„Ich werde nicht verstanden. Ich erreiche mein Ziel nicht. Ich muss es anders versuchen.“
Abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes könnte dann ein „Was möchtest du?“ oder auch eine Auswahlfrage folgen:
„Möchtest du Wurst oder etwas zu trinken?“
Auch einen Satzanfang vorzugeben kann helfen:
„Ich möchte …“
Und dann wieder warten.
Kinder müssen Sprache nicht nur hören, sondern sie müssen auch merken:
Meine eigenen Wörter haben Wirkung.
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